„Nekyia“ Album von Midi Bitch

Mit „Nekyia“ vertiefen Midi Bitch ihren bisherigen Ansatz und liefern ein Album, das weniger als klassische Veröffentlichung funktioniert, sondern eher wie ein ritueller Zustand, der sich langsam entfaltet. Der Titel verweist auf das altgriechische Totenbefragungsritual und setzt damit einen klaren Rahmen: Es geht um Schwellenräume, um Übergänge zwischen Leben und Tod, Körper und Maschine, Klang und Auflösung.

Klanglich bewegt sich das Album in reduzierten, oft düsteren Sphären. Rhythmen wirken selten treibend, sondern eher wie entfernte Impulse, die aus einem tiefen, kaum greifbaren Hintergrund auftauchen. Darüber liegen dichte Schichten aus verrauschten Texturen, droneartigen Flächen und synthetischen Fragmenten, die sich permanent im Zerfall zu befinden scheinen. Diese klangliche Instabilität ist kein Nebeneffekt, sondern das zentrale Gestaltungsmittel des Albums.

Besonders auffällig ist die räumliche Tiefe der Produktion. Die Sounds wirken nicht nur nebeneinander angeordnet, sondern wie in einen gemeinsamen Raum eingelassen, der sich ständig verändert. Tieffrequente Elemente erzeugen ein fast körperliches Druckgefühl, während höhere Klanganteile wie flackernde, unzuverlässige Lichtquellen erscheinen. Dadurch entsteht eine intensive, beinahe physische Hörsituation, die sich stark von konventionellen elektronischen Produktionen absetzt.

Hier klicken, um den Inhalt von YouTube anzuzeigen.
Erfahre mehr in der Datenschutzerklärung von YouTube.

Auch konzeptuell folgt „Nekyia“ einer klaren Linie. Das Album lässt sich als langsame Bewegung nach innen verstehen, als Reduktion von Struktur und Orientierung. Immer wieder tauchen kurze Andeutungen von Rhythmus oder Melodie auf, die jedoch nie vollständig ausgearbeitet werden. Stattdessen zerfallen sie, bevor sie sich festigen können, wodurch ein permanentes Gefühl der Schwebe entsteht. Genau in dieser Verweigerung von Auflösung liegt die Spannung des Albums.

Nekyia“ ist kein zugängliches Werk im klassischen Sinn. Es verlangt Geduld und die Bereitschaft, sich auf Uneindeutigkeit einzulassen. Wer jedoch diesen Zugang findet, entdeckt ein dichtes, konsequent durchkomponiertes Klanguniversum, das lange nachwirkt und sich nicht auf einfache Deutungen reduzieren lässt.

Insgesamt wirkt das Album wie eine konsequente Weiterentwicklung des bisherigen Schaffens von Midi Bitch. Es verschiebt den Fokus noch stärker weg von Struktur und Richtung hin zu Atmosphäre und Zustand. „Nekyia“ ist damit weniger ein Album zum Hören als vielmehr ein Raum, den man betritt – und aus dem man nicht sofort wieder herausfindet.

https://midibitch.bandcamp.com/album/nekyia