Matmos by Theo Anthony

MATMOS „Plastic Anniversary“

Thrill Jockey Records kündigen hiermit Plastic Anniversary an, das neue Album des in Baltimore ansässigen Elektronic-Duos Matmos (M.C. Schmidt und Drew Daniel). Wie auch das vorherige Album, das hoch gelobte Ultimate Care II, das vollständig aus den Klängen einer Waschmaschine komponiert und gesampelt wurde, entstammt auch Plastic Anniversary einer einzigen Klangquelle: Plastik.

MATMOS - PLASTIC ANNIVERSARY
MATMOS – PLASTIC ANNIVERSARY
Zugleich übervertraut in seiner Allgegenwart und zutiefst unmenschlich in seiner Jahrhunderte überdauernden Langlebigkeit, ist Plastik überall vorhanden, umgibt alles und: macht Angst. Scheinbar nebensächlich, ist Plastik immer griffbereit, aber auch irgendwie suspekt, giftige Schatten über den Alltag werfend. Der Form entsprechend hat die Band ein bunte Vielzahl Proben aus dieser Materialfamilie zusammgestellt, die zwar robust, aber dennoch immer nur Ersatz ist: Bakelit-Dominos, Styropor-Kühlboxen, Abfallbehälter aus Polyethylen, PVC-Panflöten, Teile von Luftpolsterfolie, Brustimplantate aus Silikongel, synthetisches menschliches Fett.

Obwohl es die engen Schnitte, die Pop-Formen und die bizarre Klangpalette ihrer frühen Alben wie Quasi-Objects und A Chance To Cut Is A Chance To Cure aufweist, hat Plastic Anniversary einen sehr eigenen Sound, vordergründig weil all die Tuten und Trommeln aus Plastik hier von Menschen gespielt werden. Das Stoßen und Reißen der programmierten Rhythmen des Duos wird nunmehr durch ein verschwitzteres und widerspenstigeres menschliches Element ergänzt, das durch ein aufregendes Ensemble von Gastmusikern erzeugt wird. So wurden Mitglieder der Bläser- und Schlagwerk-Sektion der Whitefish Highschool Bulldogs aus Whitefish, Montana, von Matmos rekrutiert und überredet, an den Aufnahmesessions in den Snowghost Studios teilzunehmen, wo sie auf verschiedenen Objekten spielten, die aus einem nahegelegenen Recyclingzentrum stammten; darunter riesige Plastikmülltonnen. Später wurde dies kombiniert mit weiteren Percussion-Performances von Greg Saunier, einem Schlagzeuger, den man für sein hyperexpressives, quirliges Spiel als Gründungsmitglied der Band Deerhoof kennt.

„Breaking Bread“, das das Konzept des broken beat wörtlich nimmt, ist eine bouncende, digitale Dancehall-Nummer, die vollständig aus den zerupften und schwirrenden Fragmenten zerbrochener Schallplatten der 70er-Soft-Rock-Band Bread besteht. Als eine Mini-Suite für Plastikbehälter, Gymnastikball und einen verstärkten DNA-Test, die sowohl an 80er Jahre-Pop als auch an den hektischen Minimalismus von Michael Nyman erinnert, stapelt „The Crying Pill“ hektische Muster von saxophonartigem Schluchzen auf einen tiefen Subbass. In „Interior With Billiard Balls & Synthetic Fat“ wird schwammiges Synthetikgewebe – entwickelt von der SynDaver Corporation als Ersatz für menschliche Leichen in medizinischen Schulen – verstärkt und zu malmendem Electro aus ekligen Substanzen mit scharfen, melodischen Riffs zusammengefügt. Diese seltsame Kombination aus Körperhorror à la Cronenberg und sonnigen Grooves setzt sich auf „Silicone Gel Implant“ fort, einer Skank-Nummer, die gummiartige Basslinien aus einem, jawohl, Brustimplantat herausholt. Aber spätestens wenn sich die Plastikflöten in den Mix schlängeln, wird die Klangquelle hinter der tranceartigen Form zweitrangig. Seite Eins schließt in einem eher reflektiven und düsteren Tonfall mit dem Titelsong „Plastic Anniversary“, dessen pseudo-mittelalterliche Kriegstrommeln und Fanfaren an Matmos‘ Faible für Anachronismen erinnern, ähnlich wie auf „The Civil War“, bevor sie einer dicht auf- und abgenommenen Kaskade von Plastik-Pokerchips weichen.

Matmos by Theo Anthony
Matmos by Theo Anthony
Wähernd Seite Eins verspielt und poppig ist, ist die zweite Seite schärfer und dunkler in ihren Implikationen, und es ist mehr Live-Drumming darauf zu hören als auf jedem anderen Album von Matmos. Es geht los mit „Thermoplastic Riot Shield“, einer Einzelobjektstudie, die vollständig aus den Klängen eines Einsatzschildes der Polizei besteht, das gestreichelt, gerieben und geschlagen wird. Die daraus resultierenden Sounds werden zu einer nervös-angespannten Ansammlung aus harschem Krach, tiefen Dub-Basslinien und harten Schnitten kreischender Stille verarbeitet. Über einem quietschenden Loop, der direkt aus einem Film von Jacques Tati stammen könnte, zieht „The Singing Tube“ eine schwirrende Resonanz aus einer drei Meter langen PVC-Röhre heraus, ausschließlich mit Toilettenbürsten gespielt, was einen flangenden Oberton erzeugt, der den Streicher-Kompositionen eines Arnold Dreyblatt nicht unähnlich ist. Vor Pfiffen, Krachmachern und Plastikhandschuh-Klatschen berstend, baut „Collapse Of The Fourth Kingdom“ eine Art perkussiven Schaukasten für die High School Marching Band, die ihre charakteristischen Drumline-Pattern sowie Baltimore Club auf rasselnden Anhäufungen von LEGO-Steinen spielt, die klickend ihren Platz einnehmen, über sonderbar verfremdeten Schlieren von Kunststoffhupen. Wenn Plastik von seinen frühen Entwicklern als „viertes Königreich“ neben Tier, Pflanze und Mineralien bezeichnet wurde, verkündet dieses Stück den letztendlichen Zusammenbruch der politischen Ökonomie, die Meere voller Abfall hervorbrachte, die heute unsere Welt ersticken.

Wenn man die dystopischen Konsequenzen von Plastik bis zu ihrem post-menschlichen Ende durchdenkt, klingt das letzte Stück „Plastisphere“ wie field recordings von Insekten, Vögeln, prasselndem Regen und den Wellen des Ozeans; tatsächlich ist es nur digitale Zauberei. Jeder einzelne Klang in diesem Stück wurde künstlich konstruiert aus Samples von Luftpolsterfolie, Klettverschlüssen, Plastiktüten, Strohhalmen und, sehr vielsagend, einer Krankenbahre. Nach einer flüchtigen und vibrierenden Suite aus poppigen Plastik-Electronics schließt Plastic Anniversary als ein Bekenntnis zum globalen Preis, der noch zu zahlen sein wird.

Knapp zwei Wochen vor der Veröffentlichung ihres neuen Albums „Plastic Anniversary“ am 15. März präsentiert das unvergleichliche Avant-Garde/Electronic-Duo MATMOS zwei Videos zu den Album-Tracks „Thermoplastic Riot Shield“ und „Breaking Bread“.

„Thermoplastic Riot Shield“ konzentriert sich auf die Hauptinspirations- und Klangquelle des Tracks, ein Einsatzschild der Polizei. Matmos fordern die Erwartungen der Zuschauer_innen heraus, in dem sie die Akteure in politisch aufgeladener Kleidung sich auf unerwartete Weise mit dem Polizeischild auseinander setzen lassen.

„Thermoplastic Riot Shield“ von Matmos:

„Breaking Bread“ wurde von Robert Syrett animiert und inszeniert und verweist auf den Fokus des Albums: die Zerstörung unserer Umwelt. Der Track wurde aus Samples von LPs der Band Bread zusammen gestellt, die auf der WFMU Plattenmesse zerschlagen wurden.

„Breaking Bread“, Anmiation und Regie von Robert Syrett:

„Plastic Anniversary“ entstand zeitgleich mit dem 25. Jubiläum, das Drew Daniel and M.C. Schmidt sowohl als musikalisches Duo als auch als Paar begehen. Die auf dem Album verwendeten Sounds entstammen ausschließlich verschiedensten Objekten aus Plastik, vom erwähnten Schild und den kaputten LPs dieser beiden Tracks bis hin zu synthetischem menschlichem Fett, einem Silikongel-Implantat, riesigen Abfallbehältern und vielem mehr.

Matmos werden im Juni in Europa Konzerte spielen. Das einzige Konzert in Deutschland findet am 03.06.2019 in Berlin im HAU1 statt.

MATMOS LIVE
03.06.19 – DE – Berlin, HAU 1
04.06.19 – DK – Copenhagen, Copenhagen contemporary
06.06.19 – IE – Dublin, National Concert Hall
07.06.19 – UK – Belfast, The Sonic Lab
09.06.19 – GR – Athens, Tectonics Festival
11.06.19 – UK – London, Jazz Cafe
12.06.19 – FR – Paris, Les Instants Chavirés
13.06.19 – BE – Brussels, Botanique
14.06.19 – NL – Den Haag, Korzo Theater (Rewire x Korzo)

www.vague-terrain.com
www.facebook.com/matmosband

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