Test dept. (UK) "Disturbance"

Test dept. (UK) „Disturbance“

In einer idealen Welt würde es das neue Album „Disturbance“ der britischen Industrialpioniere von Test Dept. nicht geben.

In einer idealen Welt würde es das neue Album “Disturbance” der britischen Industrialpioniere von Test Dept. nicht geben. Wir bräuchten es nicht:

Großbritannien wäre nicht von zunehmender Fremdenfeindlichkeit gespalten, die Arbeiterschicht sähe sich nicht einer dauerhaften Belagerung ausgesetzt; der Kapitalismus hätte keine Klimakrise produziert, die den Planet an den Rande des Abgrunds führt und die Ideale von Margaret Thatcher, gegen die sich Graham Cunnington und Paul Jamrozy in den Anfangstagen von Test Dept. wütend ausgelassen haben, wären nicht wieder beängstigend en vogue in der aktuellen Politik.

“Das Chaos, in dem wir uns aktuell befinden, ist unglaublich, deswegen auch der Albumtitel ‘Disturbance’. Es ist extrem beunruhigend”, sagt Graham Cunnington, der seit 1981 zornige Soundcollagen webt. Im gleichen Jahr gründete er Test Dept. mit Paul Jamrozy und einer stets rotierenden Anzahl talentierter Künstler aus verschiedensten Disziplinen. Ausgangspunkt für ihren neuen, aufrührerischen Sound, der sie zu Untergrundhelden machte und weshalb sie länger von den britischen Behörden beobachtet wurden, war ein besetzes Haus in New Cross, Südost-London. 37 Jahre später ist der Sound von Test Dept. ein immer noch genauso aufrührerischer Brandsatz.

“Es begann mit einem Projekt, das mit unserem Archiv zu tun hatte”, erinnert sich Cunnington.

Es waren die frühen 2010er- Jahre, Test Dept. hatten lange geruht. Jamrozy und Cunnington gingen ihre alten Aufnahmen durch, um ihre Musik wieder verfügbar zu machen, nachdem viele ihrer 14 Alben schon lange nicht mehr erhältlich waren, da ihr ehemaliges Label Red Tape schon lange keine Nachpressung mehr veranlasst hatte.

Parallel zu der Durchforstung ihres Backkatalogs arbeitete die Gruppe an einer ambitionierten Filminstallation als Auftragsarbeit für das AV Festival in Newcastle. Der Titel “DS30” bezieht sich auf das 30. Jubiläum des Streiks britischer Minenarbeiter.

Gleichzeitig entstand mit “Total State Machine” ein Buch, dass den Innovationsgeist von Test Dept. darstellt und ihre Geschichte erzählt. Diverse Live-Termine in UK und Europa standen an und das Duo sah sich mit der Frage konfrontiert, was und wie sie dort spielen sollten.

“Uns war klar, dass wir keine Greatest Hits aufführen wollten”, erzählt Jamrozy. So entstanden aus dem Prozess, alte Songs für die Bühne zu remixen und aufzubereiten, neue Ideen – der Ansatz für ein neues Album.

Aus neuen Ideen und Bruchstücken alter Songs formen Test Dept. auf “Disturbance” neue, schwere, teils mit dem Vorschlaghammer geformte Soundexperimente voller mächtiger Protestpoesie. Für Test Dept. ist die Politik zum Ausgangspunkt zurückgekehrt. Es fühlte sich passend an, mit ihrer Musik das Gleiche zu tun.

Test dept. (UK) "Disturbance"
Test dept. (UK) „Disturbance“
Das Resultat ist ein Album, das mal in die Vergangenheit blickt, dann wieder in die Zukunft rast, über 8 Stücke, auf denen Test Dept. die rohe Energie von ihren Anfängen in den 1980er Jahren heraufbeschwören, wobei gleichzeitig neue Elemente hinzugefügt werden.

“Wir sind inzwischen andere Menschen, keine jungen Hüpfer mehr”, lacht Jamrozy. “Wir sind immer noch wütend, aber gleichzeitig mit dem Alter etwas milder und weiser geworden. Auf ‘Disturbance’ wollten wir den Sound etwas upgraden – auf den alten Aufnahmen fehlt uns rückblickend oft der Bass. Dem haben wir diesmal mehr Platz eingeräumt.” Allerdings ist Bass nicht alles.

“Speak Truth To Power” umhüllt die Lyrcis über die Brutalität des Kapitalismus mit großen, symphonischen Streicherarrangements, nebelhornartigen Keyboard-Druckwellen und klappernden perkussiven Metallgeräuschen. “Full Spectrum Dominance”, ein Song über den ständigen Kriegszustand, in dem sich die Welt befindet, vom Irak über Afghanistan bis nach Syrien, stellt militärische Sounds und albtraumartige Texte intensiven und metronomischen Schlagzeugimpulsen gegenüber. Die erste Single “Landlord” bedient sich währenddessen an hämmernden Kickdrums die an Test Dept.’s Technoexperimente aus den 90er-Jahren erinnern und stationiert sie in ein Umfeld von maschinengewehrartigen Snare-Sounds, funkelnden Arpeggios und wütenden Schreien über Groß-Britanniens Versagen hinsichtlich des Wohnungsbaus der Grenfell-Ära.

“In der Regel versuchen wir nicht zu wortwörtlich zu schreiben, aber manche Sachen müssen einfach direkt angesprochen werden”, erklärt Jamrozy den Aufruf “eine Faust im Gesicht der räuberischen Gier zu platzieren.”

“Paul und ich leben nicht weit auseinander, deshalb haben wir oft zusammen an ‘Disturbance’ gearbeitet, dann aber auch wieder jeder für sich”, sagt Cunnington über die Entstehung des Albums.

Gemeinsam mit den neuen Kollaborateuren Zel Kaute (Drums) und Lottie Poulet (Produzent und Live-Tontechniker) haben sie versucht auf dem neuen Album eine klare Nachricht zu überbringen – Hoffnung: “Der Versuch, im Potenzial vom Aufbau neuer Netzwerke und positivem Protest einen gewissen Optimismus zu sehen, anstelle von Randale und Plünderungen. Wir wollen die Möglichkeit von postiver Veränderung aufzeigen”, so Cunnington.

“Kunst ist nicht ein Spiegel, den man der Wirklichkeit vorhält, sondern ein Hammer, mit dem man sie gestaltet”, schrieb Bertholt Brecht eins. Für Test Dept. wurde dieser Satz ein Mantra, mit dem sie Total State Machine eröffneten, da sie Musik als ein Mittel zur Information, zur Überzeugung und zur Aufruhr begreifen.

Diese Philosophie zieht sich durch das gesamte Schaffen von Test Dept., von ihrer Zusammenarbeit mit streikenden Minenarbeitern in Süd-Wales um auf deren wirtschaftliche Not hinzuweisen; in den Tagen als sie sich mit Ravekünstlern solidarisierten, die vom Criminal Justice and Public Order Act 1994 bedroht wurden; während ihrem Protest gegen Zechenstilllegung, Apartheid, Rupert Murdoch und Andere. Zusammen mit einem beeindruckenden Artwork von ihrem neuen Visual Director David Altweger, voller kraftvoller Bilder und revolutionärer Themen die im Zusammenhang mit der Russland-inspirierten Ästhetik ihrer frühen Werke stehen, will “Disturbance” den Hammer auf den Schrecken der jüngsten Geschichte ansetzen.

“Destroy the past, destroy the past” flüstert eine Stimme über Klaviernoten auf dem fragilen “Debris”. Test Dept. kehren auf diesem neuen Album zu ihren Wurzeln zurück, um in eine neue, mutige Zukunft aufzubrechen.

Sie hoffen, dass “Disturbance” der Soundtrack für eine Gesellschaft sein kann, die das Gleiche wagt.

Album: Disturbance 1.03.2018)
Single: Landlord 30.11.2018)
Label: One Little Indian
Vertrieb: Believe/Indigo
Website: https://testdept.org.uk/

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